Chronik

Von den Vorläufen bis zur Vereinsgründung 1994 

Anlässe

Es gab drei Anlässe für mich, diese kleine Chronik zu verfassen: Der bedeutendste undleider auch traurige Anlass war der plötzliche Tod von Klaus Müller-Kilian, meist KMK genannt, der nicht nur ein profilierter und integrativer Spieler gewesen ist, sondern auch unser erster 1. Vereinsvorsitzende. Dann war das zehnjährige Bestehen des Vereins SG Allez Allee ein guter Zeitpunkt für so einen Rückblick auf unsere frühe Boule-Kultur. Und schließlich ließen 15 Jahre genuss- wie schmerzensreicher Kugelsucht in mir den Gedanken aufkommen, sich einmal genauer der Anfänge zu erinnern. Neben den Notizen und gesammelten Texten des Autors bilden die Allee-Infos – erstmals von Ronald/Bodo, dann längerfristig von Erich aufs Papier und unter die Leute gebracht – die dokumentarische Basis dieser kleinen Chronik. Fehlende oder fehlerhafte Angaben bitte ich wie ein Loch oder eine verlegte Kugel zu werten.

Bis 1989: Wo und wie wir vor der Allee kugelten

Objektiv betrachtet hat der Verein SG Allez Allee drei Voraussetzungen: Unsere ersten Spielerinnen und Spieler sammelten ihre ersten boulistischen Erfahrungen in Südfrankreich und erweiterten sie dann nach eigenem Geschmack auf dem Bolzplatz am Teich des Wickopwegs. Zweitens wurde unser namengebender, lindengesäumter Spielort bereits in den Siebzigern von den hochmusikalischen Gebrüdern Goetzke – heute Tura Braunschweig – hin und wieder zum Boulespielen genutzt. Und zum dritten trafen wir auf ein bereits existierendes Vereinswesen. Carl-Heinz Engelke von der SV Eintracht, ehemaliger Vorsitzender des Niedersächsischen Pétanque Verbands (NPV), hat sich da früh ins Zeug gelegt. Es fanden schon um 1990 Turniere mit und ohne Lizenzen statt und bereits seit 1986 gibt es in Niedersachsen Landesmeisterschaften. Personen aus dem Umkreis des Internationalismus Buchladens und des (2.!) Club Voltaire (heute ist dort das Café Caldo) hatten Anfang der achtziger Jahre ein Haus im französischen Süden erworben. Da es nahe dem Haus einen Bouleplatz gab, der von den Ortsansässigen auch genutzt wurde, begannen die frischgebackenen Eigentümer, sich in das Spiel hin einzutasten. Zurück in Hannover, wurden manchmal samstags nach dem Fußballspiel auf der Wiese, wenn Wetter und Laune danach waren, auch die Kugeln zur Hand genommen. Nebenbei bemerkt gibt es anscheinend eine starke Affinität zwischen Fußball und Boule, die nicht allein altersbedingt verschleißenden Gelenken geschuldet ist… Bezeichnenderweise geschah das nicht vereinsgebundene Boulen häufig auf kleinen Bolzoder Spielplätzen. Unmittelbarer Vorläufer der uns vertrauten Spielorte war das Terrain auf einem kleinen Bolzplatz am Wickopweg, der von der Dornröschenbrücke auf die Herrenhäuser Allee führt. Verschiedene Spielarten und Formationen, z.B. 4 gegen 4, wurden öfter ausprobiert. Dann besaßen die boulenden Frauen und Männer keinen „eigenen“ Kugelsatz, sondern suchten sich aus dem angeschafften Kugellager, das in Kofferräumen oder Fahrradgepäckträgern ruhte, jeweils passende aus. Meistens waren das rostige Kugeln mit oft kaum lesbaren, spärlichen Inschriften, die selbstverständlich in Frankreich erworben worden waren. Der Privatbesitz eines Satzes war offensichtlich noch unwichtig, wenn nicht gar verpönt. Die Spielfreudigen warfen in frankophiler Tradition die Eisenkugeln, tranken Wein und Bier, rauchten, aßen nebenbei und versuchten sich gegenseitig mit witzigen verbalen Attacken aufzuheitern oder aus der Fassung zu bringen. Mancher stieg ein, bekam Kugeln geliehen, fand schnell einen riesigen Spaß dabei und infizierte sich schwer heilbar mit dieser Leidenschaft. Kleinere Turniere wurden auch auf dem engen Fußballplatz gespielt. Aber wenn es z.B. an einem Samstag im Mai zwar sonnig, aber kühl und windig war, wollte eben einer an die Kugeln ran. Zu den noch bis in die Allee-Zeit hinein Spielenden gehörten damals: Arno, Carola, Henning A., Heribert, Lucky, Michael Pechel und Ronald.

1990: Zwischen den Linden rollt die Leidenschaft

Weil der Bolzplatz zu eng wurde und es immer wieder zu komplizierten Situationen mit den dort manchmal gleichzeitig Fußball Spielenden kam, suchten die Kugelenthusiasten ein neues Terrain. Schließlich beschlossen sie – die meisten zähneknirschend -, auf die nahgelegene Herrenhäuser Allee zu wechseln, damals noch mit dickem weißen Kies belegt. Auf dem völlig öffentlichen „fast zwei Kilometer langen, 37 Meter breiten und in vier Reihen mit 1.300 Linden gesäumten“ Gartendenkmal sammelten sich nun immer mehr Boulende. Anfangs war der steinreiche Boden dort leicht zu spielen, denn die Kugeln fanden in ihm guten Halt, und das Wegschrappen eines gegnerischen Objekts funktionierte auch. Nur war diese Steinschicht relativ weich und immer schnell pulverisiert. Aber damals gab es noch soviel öffentliche Gelder, dass der helle Belag mehrfach erneuert wurde. Als dann die Schüttungen immer seltener erfolgten, bekam das leicht gewölbte Spielgelände seine tückische Glätte, die besonders Auswärtige beim Legen manchmal fast verzweifeln ließ. Es gab streng genommen nur einen „echten“ Tireur unter uns, also einen, der gewohnheitsmäßig aufs Eisen schießen konnte: Patrick, ein Nordfranzose. Ansonsten wurde mehr oder weniger glücklich geschrappt, und ein Treffer aus einem Schuss „von oben“ wurde als kleine Sensation wahrgenommen. Der erste Coupe Tati – unsere erste interne, nun offene Meisterschaft im Tète à tète – wurde am 28. Oktober auf der Herrenhäuser Allee ausgespielt. Als Einzelsieger von 16 Spielern – es waren noch ausschließlich Männer beteiligt – stand nach 8 frei ausgelosten Runden Boris vor Erich fest. Benannt worden war der Allee-Wanderpokal übrigens nach dem von uns hochgeschätzten, dem komischen und liebenswerten Schauspieler Jacques Tati (1908-1982) – obwohl der in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ alles Mögliche spielt, aber nie Boule. Der Coupe selbst wurde mit dem Ehrgeiz, einen besonders typischen, also richtig hässlichen Pokal künftig wandern zu lassen, von Bodo aus boulistischen Materialien hergestellt. An dieser Stelle gleich einmal eine Aufzählung aller bisherigen Sieger und der einen Siegerinim TàT „Coupe Tati“: 1990 Boris, 1991 Bodo, 1992 Tom, 1993 Malik, 1994 Carsten, 1995Candelas, 1996 Werner, 1997 Carsten, 1998 Christian, 1999 Heinrich, 2000 Bodo, 2001Bodo, 2002 Bodo, 2003 Honoré, 2004 Ulf J, 2005 Carsten.Als Spielerinnen und Spieler für das Sommerhalbjahr 1990 – die kalten Jahreszeiten waren damals noch strikt tabu! – sind für insgesamt zwei Turniere auf der Allee dokumentiert:Arno, Bodo, Boris, Eric, Erich, Georg, Gert, Henning, Heribert, Jörg-Peter, KMK, Lothar,Lucky, Patrice, Patrick, Petra, Reiner, Renate Deuter, Ronald. Wir registrierten nun auch zwei überlokale Turniere in Hannover: Am 16. Juni veranstaltete der Spieleladen „Pegasus“ am Parkplatz bei der Kommandanturstraße das „1. Hannoversche Bouleturnier“. Mit am Start unter den 34 Doublette-Teams – darunter auch einige von der Allee – war die französische Boule-Legende Otello Trovatelli. Er ist der Gewinner von 300 bedeutenden Bouleturnieren in Frankreich und Autor mehrerer Bücher über skurril-komische Spielverläufe, teilweise in der mittlerweile verblichenen „Pétanque International“ abgedruckt. Und im September veranstaltete der HSC ein Pétanque-Turnier mit überregionaler Beteiligung am sehr abwechslungsreichen Spiel- und Waldgelände des Lister Turms, das leider schon lange für Turniere gesperrt ist. In der HAZ vom 10. Oktober erscheint ein größerer Artikel unter der Überschrift: „Pétanque – ein Freizeitsport wächst stetig in Hannover / Altes Handtuch gehört dazu“. Im Text wird Wolfgang Heinze vom HSC als Sachverständiger zitiert und die SV Eintracht als „Vorreiter“ dieses Spiels an der Leine genannt. Wir von der Herrenhäuser Allee hatten bis 1990 noch keine journalistischen Spuren hinterlassen.

1991: Strukturen bilden sich aus und wir lernen dazu

Die älteste Telefonliste – Überschrift „LES JOUEURS DE PÈTANQUE (25.8.1991)“ –verzeichnet 37 Spielerinnen und Spieler. Von diesen haben bis in die jüngere Zeit Arno, Bodo, Ellen, Erich, Hannelore, Harry, Henning, Ingo, KMK, Lucky, Rolf Drieschner, Ronald und Udo, auf der Allee gespielt. Es wird nun von den relativ stetig auf der Allee Spielenden zwischen Herrenhausen I und Herrenhausen II unterschieden. Herrenhausen I sind in etwa die schon 1990 Genannten. Herrenhausen II ist eine Gruppe um die Gründer und Eigentümer des „Pegasus“- Spieleladens in der Oststadt, Manola und Peer, zu denen anfangs u.a. auch Beate, Andreas Bitter und Matthias Helweg (Matze) gehörten. Herrenhausen II spielte weiter oben auf der Allee, näher am Großen Garten. „Wir“, Herrenhausen I, spielten an dem Platz in der Verlängerung des Wickopwegs, einer häufig von Fußgängern frequentierten Schnittstelle zwischen Linden und der Nordstadt, die dann über zehn Jahre unser fester Spielort blieb. Das Terrain war bis vor kurzem noch daran zu erkennen, dass an ihm die einzige Bank stand, die gewissermaßen aus der Reihe tanzt. Ronald und andere hatten sie zwecks bequemer Spielbeobachtung so ummontiert, die Stadt reihte sie kurz darauf wieder ordentlich ein. Wir bauten sie in unserem Sinne erneut um, und so ging es weiter hin und her. Schön alternierend gab es so einen stummen Zweikampf mit den Ordnungsbehörden, bis nach der Verschweißung der Sockelschrauben durch Ulli die Bank unsere Ausrichtung bis heute behielt. Diese Bank ist somit quasi ein markantes Denkmal unserer ersten boulistischen Aktivitäten auf der Allee. Wir kannten damals noch zwei „freie“, d.h. vereinslose und auf öffentlichem Gelände boulende Gruppen, mit denen wir immer wieder in Kontakt kamen: auf den Spielplätzen am Lister Turm und bei der Rambergstraße in der Oststadt, auf dem u.a. Candelas, Ellen, und Ingo spielten. Der HSC veranstaltet am Lister Turm auch in diesem Jahr das „Hanno-Turnier“ mit einigen deutschen Spitzenspielern und wir waren erstmals in großer Zahl dabei. Auf völlig unterschiedlichen Böden spielend und gegen technisch versiertere Gegner lernten wir eine uns völlig neue Qualität und Quantität eines Pétanque-Turniers kennen. Ingo als Pointeur, damals noch hauptsächlich bei der Oststädter Boule-Gruppe aktiv, und der Tireur Alain Soumaré (Sein nomme de guerre war ein englisches „Allen“!), der ungekrönte König des artistischen Hochportées im Legen und Schießen(!), gewannen dieses große Doublette-Turnier. Letztgenannter spielte seinerzeit auch oft mit uns, wurde dann aber leider – trotz gegenteiliger Bemühungen auch von Allee-Spielern – aus der Bundesrepublik ausgewiesen… Auf der Allee werden in diesem Jahr sieben Turniere gespielt, in dem – meistens aus Unerfahrenheit – verschiedene Systeme ausprobiert und manche verworfen werden. Am abschließenden „Coupe Tati“ am 6. Oktober nahmen 16 Boulomanen teil, Sieger wurde Bodo vor dem Vorjahressieger Boris. Als erstes Mitteilungsblatt und Fanzine von Herrenhausen I – eben dem Vorläufer von „Allez Allee“ – brachten Ronald und Bodo zum Jahresende 1991 das „Allee-Schwein“ heraus, in dem neben redaktionellen Artikeln u.a. zur Spielkultur und zum Schweineschwund die 1991 auf der Herrenhäuser Allee gespielten Turniere mit ihren Ergebnissen veröffentlicht wurden. Im „Allee-Schwein“ wurde außerdem zum ersten Mal eine interne Rangliste und ein Telefonverzeichnis der „Joueurs de pétanque“ (bereits 42 – auf dem Papier!) abgedruckt. Dort wagten wir auch erste Blicke über unseren noch engen Tellerrand: Fast zur gleichen Zeit gewinnt Frankreich 2 (Quintais, Simoes, Schatz) in Andorra die Weltmeisterschaft, Deutschland 1 belegt den 33. Platz. Unter uns war eine gewisse Boule-Euphorie ausgebrochen und irgendwie lagen wir da im Trend: Die Illustrierten-Werbung entdeckt zunehmend das Boulespiel als bildlichen Aufmacher für französische Weine und Kieselerde – letztere mit einem ziemlich ungelenken Udo Jürgens als Reklame-Pointeur…

1992: Turniere werden wichtiger, Kälte und Nächte ignoriert

Angeregt von Erich wurde erstmals das Turnier „Linden gegen Hannover“ gespielt. Hannover gewinnt es am 22. März bei Dauer-Nieselregen mit 12:4 Siegen gegen Linden und erringt den Wanderpokal, ein von Udo gestiftetes rotes Banner, für ein Jahr. Udo ist es auch, der am 19. Mai in der HAZ quasi prominent wird und sich „als Inhaber einer Ökobäckerei“ zur umstrittenen Expo in Hannover äußern darf: „Anders als die Bäckerinnung bin ich nicht für die Expo – ich würde dann auch nicht mehr Brötchen verkaufen als bisher…“. Wieder wurden wie schon im Vorjahr sieben Turniere auf der Allee veranstaltet, darunter zum ersten Mal ein „Mittsommernachts-Doublette“, organisiert von Klaus Kirchhof und Matze. Es begann am 20. Juni um 17 Uhr mit 40 Leuten und fand bei Fackelschein in einer warmen Sommernacht sein Ende. Was aber über ein Dutzend nicht davon abhielt, auf der Allee kuschelnd, trinkend, plaudernd zu übernachten und kurz nach Sonnenaufgang wieder zu spielen. Da bei vielen Turnieren, nicht bloß den unsrigen, trotz der Startgebühren Bargeldgewinne für die Sieger als geschmacklos galten, wurden Sachpreise bevorzugt. Das konnten sehr überlegte und liebevoll ausgesuchte Dinge sein, in einigen Fällen allerdings wurden einfach vorhandene Werbegeschenke zu Preisen umgewidmet. Das führte zu einigen Konflikten entlang der Frage: Wer hat eigentlich das Startgeld und wozu abgegriffen? Inzwischen gewann unsere Gruppe auf der Allee an Quantität und Qualität. Tom Roscher aus dem Württembergischen, dort auch wegen notorischem carreau-sur-place-Schießens „Tom Tauscher“ tituliert, zeigte uns monatelang auf der Allee, was ein technisch brillanter Tireur ist. Souverän besiegt er im Endspiel Bodo, gegen den er in der Vorrunde noch 12:13 verloren hatte. Der wiederholt saubere Schuss aufs Eisen schien den meisten von uns noch zu utopisch zu sein, wurde aber auch schon mal trainiert. Ansonsten herrschte weiterhin routiniertes Schrappen vor, gelegt wurde überwiegend flach bis zum Halbportée, der Hochportée war für fast alle noch ein Geheimnis. Bodo, Erich, Klaus K. und Matze betraten am 27. Dezember ein anderes, glattes Neuland. Sie wagten sich zum eisigen TàT-Tunier nach Ahlen/Westfalen und erspielten tapfer auf gefrorenem, furchigem Schlamm diverse Plätze. In der HAZ erscheint erstmals ein Artikel mit der Ablichtung mehrerer Allee-Spieler. Diese Aufmerksamkeit heischende Veröffentlichung trägt den ziemlich ahnungslosen Titel „Ruhige Kugel im Grünen“. – „Gib’ mir die Kugel“ überschrieben ist dagegen der Bericht eines offensichtlich durch Alkohol beeinträchtigten Journalisten im SCHÄDELSPALTER. Dieser präsentiert ausschließlich in Fotografien auch mehrere kugelwerfende Allee-Spielende sowie einen wohlgefüllten Boulekasten. Über unser Image ist in diesem Magazin zu lesen: „Hannovers Boulestrecke Nummer Eins ist die Allee im Georgengarten (…) Unter Eingeweihten wird allerdings gemunkelt, dass die Wochenendbouler mitunter ziemlich verbissen sind.“ 47 Personen, verbissene, lockere und charakterliche Milieus, sind jetzt auf der Telefonliste von „Herrenhausen I“ verzeichnet.

1993: Erste Erfolge mit Spielgemeinschaft und Lizenzen

Das Jahr begann mit einem boulistischen Volltreffer: Candelas und Ellen gewinnen am 9. Januar bei Flutlicht und auf Rotasche völlig überraschend und als erstes Allee-Team überhaupt das ODIN-Turnier, heute als Apfelsinen-Turnier bekannt. Kurz darauf, im PALAIS (heute Café K), am 20. Januar, wurde die „Spielgemeinschaft Allez Allee“ ins Leben gerufen. Es war oft sehr komisch, ja manchmal zum Schießen, welche Argumente für und gegen eine SG auf den Tisch gelegt wurden. Immerhin gab es gegen den wortspielerischen, vorwärtstreibenden Namen unserer Spielgemeinschaft keine starken Einwände. Erich Braun und Klaus Kirchhof managten diese SG Allez Allee. Matze übernahm die Kasse und Erich gab ab dem 21. Januar das „Allee-Info“ heraus, in dem sich Ankündigungen, Ergebnisse, Vorschläge und Bewertungen zu Spielen und Turnieren mischten. Allerdings war die Spielgemeinschaft, da kein eingetragener Verein, nun für viele, aber nicht für alle Turniere des NPV spielberechtigt. Ganz ausgeschlossen blieb sie als bloße Spielgemeinschaft vom Ligaspielbetrieb und z.B. von den hannoverschen Stadtmeisterschaften. In unserem ersten Info war hinsichtlich Ligamannschaften noch zu lesen: „…es war sowieso wenig Interesse für diese Spielform bei unserem Treff erkennbar.“ Trotz vieler Vorbehalte treten bis zum Februar 11 Alleespieler und eine Spielerin dieser SG bei. Finanzielle Aspekte dürften dabei keine abschreckende Wirkung gehabt haben, denn der Jahresbeitrag belief sich auf 15 DM. Der französische Kugelsport boomt: Allein in Niedersachsen gibt es mittlerweile 26 Vereine mit 347 Spielenden. Bundesweit existieren nebeneinander drei Pétanque-Zeitschriften: PÉTANQUE INTERNATIONAL, BOULE, au fer. In unserer Turnier-Vorausschau werden auch mehrere Nicht-Allee-Tuniere ins Visier genommen. Erstmals wird wegen eines großen Turniers (Hanno-Turnier) ein auf der Allee geplantes (Coupe Tati) verlegt. Es lohnte sich in sportlicher Hinsicht: Arno und Matze belegen den 2. Platz, Hartmut und Klaus K. den 3., nachdem sie immerhin Francis Koffie und Klaus Mohr, schon damals Spieler mit DM-Erfolgen, gestoppt hatten! Und es kam noch besser: Matze besiegt im Endspiel den klar favorisierten Heinz Wucherpfennig von den Magni Boulern Braunschweig und wird sensationell Niedersachsenmeister im TàT. Es herrschte allgemein eine ziemliche Begeisterung wegen vieler guter Plätze und der regen Turnierteilnahme von Mitgliedern der SG Allez Allee (AA). Bis Ende des Jahres hatten 30 Spielende von AA eine Lizenz erworben. Trotz Frotzeleien zwischen Lizensierten und Lizenzlosen spielte noch jede mit jeder, jeder mit jeder, jede mit jedem und umgekehrt – aber es wurde manchmal schon etwas schwieriger. In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) erscheinen zwei Artikel über AA mit mehreren Fotos von unseren Spielern. Im Januar wird Wolfgang „Rudi“ Schröder beim einsamen Schießtraining mit einem kleinen Artikel inklusive Starfoto geoutet. „Mit Schnurrbart, Baskenmütze und Zigarette im Mundwinkel gibt sich der Lindener (!) auch äußerlich den Anschein eines südfranzösischen Pétanque-Spielers.“ – so die HAZ am 9.Januar. Ab dem Frühling wird vier- bis siebenmal, im Winter mindestens zweimal pro Woche Boule gespielt, manchmal bis weit in die Dunkelheit, erhellt von Laternen und vorbeifahrenden Stadtbahnen. Allein auf der Allee werden in diesem Jahr 7 Turniere mit verschiedenen Formationen und Systemen veranstaltet. Linden gewinnt gegen Hannover mit 28 : 17, Malik sichert sich im Finale gegen Bodo für ein Jahr den Coupe Tati. Ende dieses Jahres sind 62 Spielende auf unserer Telefonliste, die nun auch unter „Allez Allee“ firmiert.

1994: Der turbulente Weg vom Boulespiel zum sportlichen Petanque 

Für AA hatten Anzahl und Ankündigungen überregionaler Wettkämpfe ein immer größeres Gewicht gegenüber den Turnieren auf der Allee bekommen. Ebenso wuchs bei vielen eine sportivere Einstellung hinsichtlich Taktik und Technik, festgemacht an einer oft interpretierten Opposition von „Boule“ gegenüber „Pétanque“. Im alltäglichen Spielbetrieb kommt es häufiger mal zu Spannungen und manchmal auch zu subtilen Mitspielverweigerungen in bestimmten Konstellationen. Erich machte sich nicht nur in den Allee-Infos dafür stark, dass wir einen echten Verein, einen e.V., gründen. Die klaren Vorteile, die das brächte, wögen schwerer als die Bedenken dagegen. Als am 14. Januar von drei AA-Mitgliedern der Antrag gestellt wurde, einen Verein zu gründen, lehnte ihn die Mehrheit ab. Erich und Klaus K. legten daraufhin ihre Vorstandsämter für die SG AA nieder, nur Matze wollte die Kasse weiter führen. Bei den Neuwahlen wurde KMK zum 1. Vorsitzenden der Spielgemeinschaft, Helga zu seiner Stellvertreterin gewählt. Doch kurz darauf beschloss der NPV, dass nur noch innerhalb von Vereinen Lizenzen erworben werden können. Dadurch war eine prekäre Situation entstanden und eine neue Zusammenkunft dringend erforderlich geworden. Beim Allee-Allez-Treffen in der Gaststätte Kaiser am 14. Februar entluden sich dann unter den 20 Anwesenden die verschiedenen Spielauffassungen und einige persönliche Abneigungen in heftiger Weise. Während dieser sehr turbulenten Sitzung wurde eine Vereinsgründung nach mehreren, immer wieder veränderten Anträgen mehrheitlich abgelehnt. Einzelne aber befürworteten diese, bzw. erklärten zeitweise, mit dieser Gründung beginnen zu wollen. Schließlich wurde mehrheitlich der Lizenzerwerb zum Prüfstein für den möglichen Gründungsbeschluss gemacht: Sollten wir trotz Nachhakens beim Verband partout keine Lizenzen „ohne e.V.“ bekommen, werden wir einen Verein aufmachen. Die Entscheidung des NPV war endgültig, so kam es zur Gründung der „SG Allez Allee e.V.“. Zügig traten die meisten von der SG Allez Allee dem Verein bei – auch fast alle, die sich zuvor sehr ablehnend bis erbittert geäußert hatten. Den ersten Vorstand bildeten: KMK als 1. Vorsitzender, Erich als 2. Vorsitzender und Matze als Kassierer. Gespielt wurde nun fast immer und bei mehreren Turnieren kamen unsere Lizenzspieler zu guten Resultaten: Hartmut und Klaus K. errangen den dritten Platz beim Tide-CUP in Wilhelmshaven, Bodo/Erich/Hartmut siegten bei Odin im Stadtpokal und Arno kam mit Erich bei den Deutschen Meisterschaften auf den 17. Rang. Die II. Mannschaft, von Rudi zusammengebastelt mit Bodo, Helga, Henning Wötzel, KMK, Renate Wötzel, Rollo und Wanja, stieg sofort in die 1. Liga auf und wurde überdies Zweitligameister. Die I. Mannschaft, u.a. mit Arno, Bernd Michaelis, Erich, Klaus K., Ulf J., Matze und Hartmut, verblieb in der zweiten Liga auf einem Mittelplatz. Und es wurde erwogen, eine III. Mannschaft für die Liga zu bilden. Zum ersten Mal erschien eine NPV-Rangliste, auf der Hartmut als höchstplazierter AA-Spieler den 15. Rang inne hatte. Bis zum Beginn von 1995 hatte das Finanzamt auch die Gemeinnützigkeit bescheinigt, und etwas später erfolgte die Aufnahme in den Stadt- und Landessportbund. Die ehemals als ein bisschen „studentisch und wild“ verschriene Allee- Gruppe war nun juristisch wie offiziell ein ganz normaler deutscher Verein geworden. Aber er war damals noch einer der ganz wenigen im NPV, der sich allein auf das Kugeln konzentrierte und „öffentlich“, d.h. nicht auf dem Gelände eines Sportvereins spielte.

Ausblick

87 Namen waren Ende 1994 auf der Liste unserer „Freunde und Mitglieder“ vom 19.Februar, 46 davon hatten eine Lizenz. Interessanterweise gelten ähnliche Zahlen wieder für 2004, aber die Personen auf dieser Liste sind zum größten Teil andere als auf der heute zehn Jahre alten. Spätestens 1994 hatten sich, wie bereits angedeutet, einige Risse in unserer Spielgemeinschaft vertieft und verfestigt. Im Allee-Info 10/Juli 94 spitzte Erich solche (Schein-) Widersprüche holzschnittartig und ironisch zu:

  • Legen oder Schießen?
  • Carreau oder Palet?
  • Leistung oder Lust?
  • Gewinnen oder verlieren?
  • Lizenz oder nicht?
  • Jacques Tati oder John Wayne?
  • Hocke oder Stand?
  • 13 oder 15?
  • Kinder oder Erwachsene?
  • Sonnabends oder täglich?
  • Spiele ohne Sieger oder mit Verlierern?
  • Bewegung oder SG oder e.V.?
  • Stress oder Entspannung?
  • Le beau oder la belle?
  • Herri oder Beck’s

Manche Spielvorstellungen und Weiterentwicklungen schienen für einige innerhalb des Vereins Allez Allee nicht mehr realisierbar zu sein. So verließen wenige Jahre später profilierte Pétanque-Spielerinnen und -Spieler wie Bernd Hoffmann, Erich Braun, Klaus Kirchhof, Nico Kirchhof, Matthias „Matze“ Helweg, Martina Janik und Ulf Janik aus verschiedenen Gründen die Allee. Sie traten in andere Vereine ein, riefen neue mit ins kugelige Leben und verbesserten ihr Spiel. Einige, die unter uns mit Boule begonnen hatten, erreichten später Spitzenplatzierungen bei großen Turnieren und deutschen Meisterschaften. Dass heute – z.B. bei SM-Turnieren – ehemalige und aktuelle AA-Spieler wieder problemlos zusammen spielen können und die zeitweilige Giftigkeit zwischen manchen offensichtlich überwunden ist, dürfte aber das erfreulichste Resultat der letzten 10 Jahre sein.

Allez Allee!

(Bodo Dringenberg, Verfasser der Chronik)